Bewegen

Rudern

Immer neue Ziele –

auf dem Wasser und an Land

Marie-Cathérine Arnold gehört zu Deutschlands Ruderelite. Seit sie acht Jahre alt ist, sitzt die Athletin im Boot. Weltcup-, Europa- und Weltmeistertitel hat sie eingefahren. In Rio 2016 landet sie unglücklich auf Platz sieben. Wie schafft sie es, immer wieder neu anzugreifen?

Wenn Marie-Cathérine Arnold in ihrem Ruderboot über das Wasser gleitet, dann hat sie nur ein Ziel: schnell vorwärtszukommen. Die Weltklassesportlerin aus Ahlten bei Hannover blickt mit ihren 28 Jahren bereits auf eine intensive Karriere zurück. Mit Erfolgen, mit Niederlagen. Und mit einer starken Fähigkeit: Sie sucht sich immer wieder neue Anreize, startet immer wieder neu durch – auf dem Wasser und im Leben abseits des Leistungssports.

Mit dem Rudern beginnt Marie-­Cathérine Arnold mit acht Jahren. Ihr älterer Bruder habe es ihr vorgemacht, sagt sie. Damals stehen aber noch Spiel und Spaß im Vordergrund: Mit ihrem ersten Verein, dem Ruderverein für das „Große Freie“ Lehrte/Sehnde, geht es auf Wanderfahrten, zum Beispiel auf die Mecklenburgische Seen­platte, und auf Pfingstfahrten.

Mit den Jahren steigt sie ins regelmäßige Training ein. Gerudert wird auf dem Mittellandkanal, immer die Frachter im Blick, die „schon ganz schön große Wellen schieben“, wie sich Marie-­Cathérine Arnold erinnert. Schnell lernt sie, die zu den größeren und stärkeren Jugendlichen gehört, dass „gewinnen Spaß macht“.

Drahtbetten beim Baltic Cup

An ihren ersten internationalen Wettkampf für die deutsche Nationalmannschaft erinnert sie sich noch ganz genau: 2007, Brandenburg, Baltic Cup. Zwar sitzen die jungen Sportlerinnen in einem von der deutschen Forschung entwickelten hochmodernen Boot, doch das Drumherum sei wenig spektakulär gewesen, sagt Marie-­Cathérine Arnold, die mittlerweile für den Hannoverschen Ruder-Club fährt. „Wir haben auf Drahtbetten geschlafen.“ Doch so oder so: Das Ergebnis auf dem Wasser steht im Vordergrund. Und das kann sich sehen lassen: „Wir gewannen mit deutlichem Vorsprung.“

Mit Vorsprung ins Ziel fährt die junge Ruderin in den kommenden Jahren immer und immer wieder – fest und gesetzt im deutschen Nationalkader der Junioren im Deutschen Ruderverband. Gleich im Jahr nach dem Baltic Cup in Brandenburg siegt sie bei den Junioren-Weltmeisterschaften gemeinsam mit drei Teamkolleginnen im Doppelvierer, im Folgejahr im Doppelzweier. 2011 wird sie U-23-Weltmeisterin im Doppelvierer, Silber holt sie mit ihrem Team 2012, den dritten Platz 2013.

Leidenschaft für Sport und Wissenschaft: „Ich möchte nicht nur als Ruderin wahrgenommen werden.“

Spitzensport ohne ausreichende Bezahlung

Schon zu dieser Zeit merkt die junge Sportlerin, dass das Rudern auf diesem Level seinen Preis hat. Ständig unterwegs zwischen Hannover, wo sie studiert und trainiert, und Berlin, wo sie ebenfalls trainiert, sowie internationalen Wettkämpfen. Sie bringt immer Höchstleistung, um dranzubleiben, um ihren Platz im Boot zu sichern. Sie trainiert und lebt wie eine Spitzensportlerin, wird aber nicht so bezahlt. Zu diesem Zeitpunkt wird sie bereits von der Lotto-Sport-Stiftung gefördert.

Zwischendurch geht Marie-­Cathérine Arnold zum Studium in die USA, ein wenig Abstand tut ihr gut. Dort fährt sie für das Team der Universität. Zurück in Deutschland und motiviert gelingt ihr der Anschluss an die erste Mannschaft, die ­A-Mann­schaft. 2015 wird sie Doppelvierer-Europameisterin. Doch bei der WM gehen die Amerikanerinnen vor ihr und ihrem Team durchs Ziel.

In ihrem Element: Marie-Cathérine Arnold beim Weltcup 2016 in Luzern. Im gleichen Jahr platzt ihr Traum von Gold in Rio – ihr Trainer nimmt sie aus dem Doppelvierer.

Rio 2016: Geplatzter Goldtraum

Dass der Sport ein großer und wichtiger Teil ihres Lebens ist, aber nun einmal nicht alles, führt ihr das Jahr 2016 mit Wucht vor Augen. Mit all ihren guten Platzierungen startet sie in die Olympiasaison, mit Rio und einer Goldmedaille, von der „schließlich jeder Leistungssportler träumt“, fest im Blick.

Doch acht Wochen vor der Eröffnung der Spiele platzt ihr Traum. Ihr Trainer entscheidet sich bei der Besetzung gegen sie, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt die schnellste Ruderin Deutschlands ist. Im Vierer, dem Boot mit Medaillenchance, sitzen andere. Nicht sie.

Marie-Cathérine Arnold tritt im Doppelzweier an – enttäuscht, aber immer noch bereit, alles zu geben. Am Ende gewinnt sie mit Mareike Adams das ­B-Finale. Die beiden lassen dabei die Weltbestzeithalterinnen und Europameisterinnen hinter sich und belegen damit den insgesamt siebten Platz, während der Doppelvierer Gold holt. „Das waren nicht die Olympischen Spiele, die ich mir vorgestellt hatte“, sagt sie. „Doch es war ein irres Rennen.“

Mit dem Ende der Spiele kommt die Erschöpfung. Sie fühlt sich ausgebrannt vom Wettkampf, vom Kampf um den Platz im Boot, vom Drum­herum. Erst ein Urlaub in den USA mit den Freundinnen, die sie schon einmal zurückgebracht haben, motiviert sie aufs Neue. Doch in dieser Zeit richtet sich ihr Fokus auch ein wenig neu aus. Marie-Cathérine Arnold schaut in Richtung Skiff, also auf den Rudereiner, und auf ihr Studium.

Masterarbeit: Der Einfluss des ­Menschen auf das Ökosystem

Sie beginnt nach ihrem bereits abgeschlossenen Bachelorstudium ihren Master in Meeresgeowissenschaften, den sie 2019 abschließt. Damit legt sie den Grundstein für das Leben neben dem Rudern. Denn eines ist der 28-Jährigen wichtig: „Ich möchte nicht nur als Ruderin wahrgenommen werden.“ Naturkatastrophen wie Tsunamis, also Mechanismen, die nicht kontrollierbar sind, hätten sie schon immer fasziniert, sagt sie. Und auf die Möglichkeiten, wie Menschen davor beschützt werden können.

In ihrer Masterarbeit hat sie sich mit Erzen im Indischen Ozean beschäftigt, mit Lagerstätten und der Frage, ob der Mensch das Ökosystem überhaupt so beeinflussen darf. Es sind große Fragen zum Klima und zu Rohstoffen, die Marie-Cathérine Arnold abseits der Trainingseinheiten und Wettkämpfe nachhaltig beschäftigen. Dabei schaut sie mit Blick auf ihre berufliche Zukunft auch wieder über den Großen Teich, wie sie sagt.

Fokussiert hat Marie-Cathérine Arnold auch Richtung Tokio geschaut. Gestärkt mit zwei Weltcupsiegen und Silber bei der Weltmeisterschaft im Doppel­vierer 2018 standen nun die Olympischen Spiele auf dem Zettel. Mittlerweile ins Riemenboot gewechselt – dort hat jedes Teammitglied nur ein Ruder in den Händen –, steckt sie mitten in den Vorbereitungen, als die Verschiebung der Spiele wegen der Coronapandemie kommt. Zu diesem Zeitpunkt stehen die Besetzungen der Boote noch nicht. Für Marie-Cathérine Arnold bedeutet das: abwarten, fit bleiben, motiviert bleiben. Und wieder neue Anreize schaffen, um weiter dranzubleiben, mit Fokus und Leidenschaft. Für ihren Sport.